Mittwoch, 29. Oktober 2014

Welcher Vor-Spiel-Typ bist du?

Stellt euch folgende Situation vor: Während eines Treffens mit euren Freunden kommt ein neues Spiel auf den Tisch. Die meisten sind gespannt, was es da wohl neues zu entdecken gibt, manche sind vielleicht etwas skeptisch, einige haben evtl. schon davon gehört oder es im Laden stehen sehen. Wie auch immer, ihr beschließt, das Spiel einfach mal auszuprobieren. Aber bevor ihr drauf los spielen könnt, muss das Ganze erstmal aufgebaut und die Regeln erklärt werden. Genau an diesem Punkt ist es immer höchst interessant zu beobachten, was eure Mitspieler (bzw. ihr selbst) während dieser "Vor-Spiel-Phase" tun. Nach meiner Erfahrung kann man eine Runde meist in folgende Typen einteilen (es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht):

Der Erklärbär


Einer Person (häufig derjenigen, der das Spiel gehört) fällt die Aufgabe zu, ihren Mitspielern die Spielregeln zu vermitteln. Befindet sich das Spiel im eigenen Besitz, so wurde die Regel meist schon im Voraus ausführlich gelesen und studiert, sodass sich das Erklären aufs Wesentliche beschränken kann und die Anleitung nicht erst am Spieltisch gelesen werden muss. Der Erklärbär vermittelt grundlegendes Spielwissen und gibt Sicherheit, falls während einer Runde Unklarheiten auftreten sollten. Im Normalfall kann er sich aber auch zurücklehnen und hat kein Problem damit, den Ausführungen eines anderen Erklärbären zu lauschen.
In seltenen Fällen tritt jedoch auch der sogenannte notorische Erklärbär auf. Er verhält sich im Kern zwar ähnlich wie der gemeine Erklärbär, hat jedoch den zwanghaften Drang, in jedem Fall die Anleitung selbst zu lesen und zu kennen, selbst wenn ein Mitspieler sie schon verinnerlicht hat und erklären kann. Dies führt unter bestimmten Umständen sogar dazu, dass der notorische Erklärbär parallel zum bereits laufenden Spiel die Regeln liest und versucht, diese zu memorieren. Ist man sich der Tatsache bewusst, einen notorischen Erklärbären in seiner Runde zu haben, ist meistens allen am besten geholfen, wenn man ihn einfach gewähren lässt.

Der Bastler


Der Bastler ist häufig das genaue Gegenteil des Erklärbären. Er interessiert sich wenig bis gar nicht für die Anleitung und ist froh, wenn er das Spiel erklärt bekommt und nicht selbst lesen muss. Viel lieber beschäftigt er sich mit dem Spielmaterial. Neugierig wie der Bastler ist, holt er zunächst sämtliche Figuren, Steine, Tableaus, Spielpläne und was es sonst noch zu entdecken gibt, aus der Schachtel heraus und breitet es vor sich aus. Solange der Erklärbär noch in seine Regellektüre vertieft ist, vertreibt sich der Bastler die Zeit damit, das Spielmaterial in möglichst kreativer Art und Weise vor sich anzuordnen. Von Türmchen bauen bis zum Legen von Gesichtern und Tieren ist hier alles möglich. 
Der Bastler erweist sich jedoch auch als guter Kooperationspartner für den Erklärbär, wenn es um den Spielaufbau geht. Während der Erklärbär die Anordnung der einzelnen Teile vorgibt, verteilt sie der Bastler (der das Material ja schon genau unter die Lupe genommen hat) an die gewünschte Stelle. Am glücklichsten ist der Bastler, wenn er entweder einen eigenen Materialstapel hat oder (noch besser!) wenn es einen Vorratsstapel gibt, mit dem er sich beschäftigen kann, bis das eigentliche Spiel losgeht.

Der Einfach-drauf-los-Spieler 


Manche Mitspieler interessieren sich nicht übermäßig für die Spielanleitung, haben aber auch nicht das Gen des Bastlers, sich in das Spielmaterial zu vertiefen. Der Einfach-drauf-los-Spieler lauscht dem Erklärbären nur mit halbem Ohr und hat nach dessen Einführung die Feinheiten des Spiels schon meist wieder vergessen. Er will einfach gleich anfangen und die Regeln während er spielt erkunden. Ungeduldig stellt er Fragen zu bestimmten Abläufen, die der Erklärbär im Voraus bereits ausführlich behandelt hat, und zeigt sich empört, sollte er einmal einen sicher geglaubten Punkt nicht bekommen, da er die Wechselwirkung zweier Karten nicht beachtet hat (Das hätte der Erklärbär ja wohl mal erwähnen müssen!).
Von ein paar Kleinigkeiten abgesehen, gelingt es dem Einfach-drauf-los-Spieler jedoch oft sehr schnell, die Komplexität eines Spiels zu erfassen und dementsprechend seine Züge zu gestalten. Mit präzisen Fragen bringt er seine Anliegen auf den Punkt und entwickelt dementsprechend seine Strategie. Zwar ist diese nicht immer auch von Erfolg gekrönt, doch kann dieses Wissen meist gewinnbringend für die nächste Runde eingesetzt werden.


Der stumme Beobachter


Zu guter Letzt gibt es noch diejenigen, die sich weder intensiv mit der Anleitung noch dem Material auseinandersetzen, sondern schlichtweg die Informationen aufnehmen, die sie von Bastler und Erklärbär erhalten. Im Gegensatz zum Einfach-drauf-los-Spieler gelingt es dem stummen Beobachter, sich gleich ein Bild des Spielablaufs zu machen, ohne bereits erklärte Umstände noch einmal hinterfragen zu müssen. Nichtsdestotrotz hört er aufmerksam zu, wenn vermeintlich geklärte Aspekte noch einmal aufgegriffen werden - man könnte ja zu neuen Erkenntnissen kommen. Der stumme Beobachter versucht, sich anhand der vorgenommenen Erläuterungen ein komplexes Bild des Spiels und seines Vorgehens zu erstellen, an dem er sich im Laufe der Partie orientieren kann. Statt im Ernstfall einfach selbst eine Frage zu stellen, versucht er, sich die Antwort logisch zu erschließen und das Bestmögliche aus seinem Zug zu machen. 


So, das war sie also, meine kleine Vor-Spiel-Typologie. Vielleicht findet der ein oder andere sich selbst oder ein paar seiner Mitspieler hier wieder. Und wenn nicht, dann würde es mich sehr interessieren, was es sonst noch so für Typen an euren Spieltischen gibt!

Kommentare:

  1. Ich will den Beitrag likeeeen. :D
    Echt super! Da erkennt man die verschiedenen Leute echt gut wieder, du Erklärbär, hihi :3

    (Ach ja, deine Beiträge tauchen irgendwie nicht in meinem Feed auf :( )

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    1. Dankeschön! Tja, das mit dem Erklärbär war irgendwie zu offensichtlich...^^
      Das mit dem Feed versuche ich zu beheben (ob's mir gelingt, ist allerdings eine andere Sache).

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  2. Sehr schön geschrieben!! Allerdings hast du den "Aggressiven Bastler" vergessen:
    Dieser ist dem eigentlich friedliebenden und verträumten Bastler zunächst gar nicht so unähnlich. Allerdings möchte dieser Spielertyp möglichst bald zu spielen beginnen - hat der Erklärbär ihm doch vorher so viel vom neuen tollen Spiel berichtet, dass er schon ganz aufgeregt ist. Wird ihm dieser Wunsch jedoch verwehrt, beginnt der aggressive Bastler die Spielmaterialien, mit denen er sich vorher in Form von Türmchen-Bau und lächelnde Gesichter legen beschäftigt hat, als Geschütze zu verwenden, mit denen er den in die Spielanleitung versunkenen Erklärbaren abwirft - vielleicht beschleunigt ein Würfel gegen den Kopf den Verstehensprozess der Regeln? So kann es schon mal passieren, dass der aggressive Bastler in seiner ungeduldigen Vorfreude dafür sorgt, dass das eigentliche Spiel gar nicht stattfinden kann (weil der Erklärbär zum Schutz erstmal unter dem Tisch abgetaucht ist), dafür aber eine wilde Schlacht mit fliegenden Würfel, Figuren und Karten ausbricht - nunja: auch eine Art Spiel. Deshalb sollte der Erklärbär (wenn er einen Bastler zum Spielen einlädt) die Spielregeln vorher schon einigermaßen verinnerlicht haben, um einem möglichen Bombardement aus Spielmaterialien zu entgehen. :D

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    1. Achja, der aggressive Bastler... Wie konnte ich den nur vergessen!? Das lag wahrscheinlich daran, dass ich bisher nur Bastlern begegnet bin, die ihr aggressives Wesen hartnäckig unterdrückt haben =P

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